Sonntag, 25. September 2016

Aquarellfarbe mit Schimmelstopp

Aquarellfarbe, die schimmelt? Ja, das gibt es tatsächlich. Überall in der Umgebung sind natürlicherweise Schimmelsporen enthalten und die fallen auch auf unsere Farben. Dabei kann es sein, dass die Umstände wie genug Feuchtigkeit und vielleicht sogar etwas Nahrung (z.b. Gummi Arabicum oder Honig) günstig für den Schimmel sind und er zu wachsen beginnt.

Das sieht dann so aus


 photo schimmelfarbe_zpso7tdkzue.jpg

Winsor Green Blue Shade von Winsor + Newton in Tubenqualität. Man sieht deutlich die weißen Hyphen des Schimmelpilzes, der sich über die tief grüne Farbe erstreckt. In typisch deutschen Breitengraden ist das normalerweise auch kein Problem, so hab ich die Farbe einfach weiter verwendet und nie Probleme bekommen, dass mir das Papier schimmelte.

Ich sprach jetzt aber mit jemandem, der in deutlich tropischeren Breitengraden Aquarellmalerei betreibt und dem nicht nur eine Farbe schimmelt, sondern gleich mehrere. Bei so hoher Luftfeuchte kann man auch nicht ausschließen, mal einen Pilz zu erwischen, der Cellulose verstoffwechseln kann und dies dann auch tut. Ich überlegte also, wie man dem Problem langzeitlich begegnen kann und startete ein Experiment.

Meine Lösung: Zugabe von quartärer Ammoniumverbindung (QAV)
englisch: quarternary ammonum compound
chemische Namen: Didecyldimethylammoniumchlorid oder Benzalkoniumchlorid

Die beiden sind biozide Stoffe, das heißt, sie töten Mikroorganismen. Dabei stehen vor allem grampositive und gramnegative Bakterien, Hefen und Schimmelpilze auf dem Wirksamkeitsspektrum. Mykobakterien (Tbc) und Viren werden schlecht bis gar nicht abgetötet, Bakteriensporen auch nicht.
Bei unserem Kandidaten handelt es sich um klassischen Schimmel, damit ist das eine gute Wahl.

Die QAV haben keinen Geruch, da es sich dabei um Salze handelt. Sie gehen daher auch nicht in die Luft über und reizen die Atemwege nur, wenn man einen Sprühnebel aus ihnen einatmet. Die Hautreizung gestaltet sich so, dass die Moleküle sich auf die Oberfläche heften und die Funktion "verkleben", beispielsweise die Funktion Fett und Wasser auf der Hautoberfläche zu bilden, damit die Haut nicht austrocknet. Als Folge verklebter QAV Haut trocknet einem dann eben die Haut aus. Besser nicht direkt mit den Fingern hinein gehen, sollte es aber mal passieren, ist das nicht schlimm. Hoch verdünnt ins Auge geraten ist das auch nicht schlimm, es trocknet sie auch nur aus. In manchen Augentropfen sind die QAV als Konservierungsstoff enthalten. Cool, macht abhängig!

Die Wirksamkeit auf der Mikrobenoberfläche ist demnach genau so: Die Oberfläche wird verplompt und die Ionenkanäle funktionieren nicht mehr. Der Mikrooganismus wird in sich erstickt und hat meistens ja auch nur eine Zelle, aus der er besteht, kann sich daher nicht regenerieren.
Das QAV Molekül ist positiv geladen und bringt ein Chlorid Anion mit. Damit ist es wasserlöslich und lässt sich zusammen mit der Aquarellfarbe aufs Papier auftragen. Da es sich bei QAV um Tenside handelt, die oberflächenaktive Eigenschaften haben, kann es sein, dass die Maleigenschaft verändert wird. Wir kennen ja unser Gummi Arabicum, das uns die Farbe so schön übers Bild schwimmen lässt. Und das könnten die QAV verstärken, je nachdem, wie viel man zugibt.

Wo bekommt man QAV?
Generell sollte man das Etikett gut lesen, denn der reine Produktname bedeutet nicht, dass QAV auch drin sind. Manchmal sind stattdessen Alkohole oder andere Stoffe enthalten, die uns für die Aquarellmalerei nicht helfen.
Desinfektionswaschmittel für Wäsche
Schimmelentferner (hier besondere Vorsicht, viele sind Alkohol statt QAV)
Algen und Moos/Grünbelag Entferner

Wer an Industrieprodukte gerät, verdünnt diese dringend so wie es in der Produktinfo steht! Viel hilft viel bringts nicht.



Jetzt zum Praxistest!


 photo malenQAV_zpshzq3o1hv.jpg

Ich habe Tubenfarbe genommen, um mir nicht den ganzen Kasten zu versauen, falls es schief läuft. Die Tubenfarben habe ich dann mit relativ dicker QAV Lösung besprüht und das Ganze 30 min einwirken lassen.
Coelinblau und Winsor gelb trockneten schnell ab und waren wie vorher. Magenta und Lampenschwarz blubberten mit dem QAV etwas auf und sahen aus wie eine geschmolzene Qualle, die nicht mehr so gut abtrocknete. Dabei ist natürlich zu sagen, dass Tubenfarben grundsätzlich flüssiger als Näpfchen sind und gerade die Tubenfarben von Daler Rowney sehr flüssig daher kommen. 

Nach den 30 Minuten Trocknungszeit habe ich dann mein Bild aquarelliert. Ich habe dabei gemerkt, dass die oberflächenaktive Eigenschaft der QAV tatsächlich minimal zu spüren ist: Das Aquarellergebnis wurde noch gleichmäßiger als vorher. Das kann man gut finden oder auch nicht, das ist Geschmackssache. Komische Dinge hat meine Farbe jedoch nicht getan und es ließ sich gut damit arbeiten. Ich habe eine Farbe von Lukas, Violett, die verläuft auch so stark wie diese Farbe + QAV, so einzigartig ist dies demnach gar nicht.

Wenn die Farbe langzeitlich im Näpfchen desinfiziert bleiben sollen, sollte man ab und an immer wieder QAV nachlegen, da man ja nicht die kompletten Blöcke an Farbe durchdesinfiziert. 

Das Tolle an QAV ist neben Geruchsfreiheit und Hautfreundlichkeit auch noch, dass der Wirkstoff nicht kaputt geht wie beispielsweise Aktivchlor. Der Wirkstoff bleibt auf der Farbe und sobald die Lebensbedingungen für den Schimmel gut werden und die Sporen auskeimen, werden sie durch das QAV gleich wieder abgetötet. Damit sind sowohl die Farbe als auch die fertigen Bilder geschützt in einem feucht-tropischen Klima. 

Kommentare:

  1. Hmmm... Ich weiß ja nicht: hautätzend, evtl. noch gesundheitsschädlich bei Hautkontakt und umweltgefährdend... In welcher Konzentration sollte man das einsetzen?

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  2. Anonym, man setzt das bei der Konzentration ein, die auf dem Etikett steht. Da es verschieden konzentrierte Produktkonzentrate am Markt gibt, kannst du mir der Angabe, wie bei DDAC bzw ADBAC drin sein soll, eher wenig anfangen. Die Anwenderkonzentration auf dem Etikett stimmt dann meistens mit der Konzentration ein, die sicher abtötet, aber als Anwenderkonzentration meistens nicht problematisch für den Anwender selbst ist (ausnahme: Aerosole einatmen).

    Bei krassen Industrieprodukten für Stalldesinfektion kann das deutlich höher liegen. Die besser stärker verdünnen. Und keine mit Glutaraldehyd in der Mischung nehmen.

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